Innere Reise

Vom Loswerden und Loslassen

Unsere Wohnung wird leerer. Sichtbar leerer! Die ersten kleinen Lücken zwischen den Möbeln tun sich auf, die ersten Schubladen sind leer geräumt, Umzugskartons stehen rum und im Schlafzimmer fängt es an zu hallen. Das Gefühl wir wohnen hier bald nicht mehr wird immer stärker.
Letztes Wochenende wurden wieder ein paar Möbel abgeholt und in einer halben Stunde kommt jemand, der eine unserer Winterjacken gebrauchen kann.


Wir nennen unsere Käufer auch liebevoll Umzugshelfer. Denn sie helfen uns tatkräftig beim Auszug von unseren Sachen in ihre Wohnungen. Nach jedem Besuch eines Umzugshelfers sagen wir: Das war ein Erfolg! Egal, was der Umzugshelfer mitnimmt, egal wie klein es ist: Es ist ein Erfolg! Wir freuen uns gleichermaßen über den Verkauf der Papierlampe für einen Euro wie über den Verkauf eines Billy Regals. Vor allem freuen wir uns, dass wir diesen Gegenstand in vier Wochen nicht die Treppen runtertragen und irgendwie einlagern müssen.

Wer da unten gerade klingelt und wer gleich vor der Haustür stehen wird? Es waren wirklich ganz witzige Begegnungen – manchmal auch etwas verrückt („Ich nutze die schönen Holzboxen, um darin die Windeln meines inkontinenten Hundes aufzubewahren“ – okay whaat?!). Von einer kurzen Plauderei, bis zu einem schnellen „Danke und Tschüss“ war alles mit dabei. Aber es war immer nett!

Uns gefällt auch der Gedanke, dass unser Sammelsurium an Dingen nun in ganz Deutschland verteilt ist. Manchmal gleicht unser Flur einer Post-Packstation, abends packen wir wie die Weihnachtselfen das verkaufte Hab und Gut fein säuberlich ein, beschriften die Pakete mit den Adressen und bringen es dann morgens auf die Poststation.

Unsere Habseligkeiten sind nun in ganz Deutschland verteilt

An die Ostsee bis ins Allgäu haben wir schon versendet und irgendwo da steht nun das Thermometer mit Außentemperaturmesser, bei dem Sohn eines Polizisten steht unsere Mikrowelle, der Taxifahrer rollt sich über die Faszien Rolle, die alte Hi-Fi Anlage dudelt irgendwo 1 Live und irgendwo macht sich gerade jemand mit den Unterziehhemden auf einem Sportplatz warm und ganz bestimmt kocht gerade jemand Bratkartoffeln auf der Stahlpfanne.

Manchmal geht es uns nicht schnell genug und wir bekommen echt einen Koller, wenn wir sehen, was noch alles da ist. Aber nein: Step by step – Jedes Teil ist ein Erfolg!

Wir besitzen weder viel Deko, noch haben wir die Wohnung besonders vollgestellt. Dennoch ist es total erstaunlich, wie viele Dinge wir tatsächlich besitzen und wie viel davon wir vielleicht nie oder selten verwendet haben. Ein durchschnittlicher deutscher Haushalt hat ungefähr 10.000 Dinge! Davon waren wir sicher nicht weit entfernt!

Es ist so einfach Dinge zu verkaufen, aber sie loszuwerden dauert!

Immer wieder kommt uns der Gedanke, dass es so einfach ist, Dinge zu kaufen und zu horten. Heute ist ausgerechnet Black Friday und so viele Menschen werden sich irgendwelches unnötiges Zeug kaufen, um es dann einfach zu horten. Irgendwann kriechen diese Dinge dann meistens ungenutzt wieder aus den Kisten und Schränken hervor – spätestens, wenn man umziehen muss.

In diesem Stadium des Loswerdens, beobachten wir auch folgendes Phänomen: Kaum ist ein Teil weg – booom schon haben wir Ersatz im Keller gefunden. Die Lampe ist weg – ach dann hängen wir da die Lichterkette hin. Die Box ist weg, dann stellen wir den Stuhl dahin. Wir haben immer noch ein anderes Ding in der Bude, welches die Lücke schnell wieder schließen kann.

Aber wenn ich dann manchmal noch mal über das ein oder andere mit der Hand streiche, dann fällt es mir dieses ganze Loswerden und Loslassen auch richtig schwer. Denn ich frage mich, ob ich die schönen Erinnerungen und Erlebnisse behalten kann, die ich mit dem Gegenstand verbinde. In den meisten Fällen ist es ein „Ja“. Und die allerwichtigsten Dinge geben wir in die Obhut unserer Eltern.

Ein Auszug auf Raten – Stück für Stück

Es ist ein Auszug auf Raten, es ist kein normaler Umzug, den man schnell mit ein paar Freunden am Wochenende erledigt. Minimalistisch leben zu wollen ist ein schleichender, aber unglaublich befreiender Prozess über mehrere Monate. Jedes Mal wenn ein Umzugshelfer ein Möbel- oder Kleidungsstück diese Stufen runterträgt, dann habe ich das Gefühl, dass wir und unsere Wohnung aufatmen. Dass diese Wohnung wieder ein bisschen an Gewicht verliert und wir Ballast loswerden. So ähnlich wie ein Heißluftballon, der die Sandsäcke abwirft und langsam in die laue Sommerluft aufsteigt.

In meinem Kopfkino schultern wir nach Weihnachten nur noch unsere Tatonka Reiserucksäcke und tragen eine blaue IKEA Tasche mit dem Bettzeug in der Hand das letzte Mal die Treppen herunter. Natürlich schreiten wir schweigend die Treppen hinunter– denn Sprechen oder Lachen im Treppenhaus ist in der knallharten Hausordnung unserer Vermieterin nicht vorgesehen! Maximal breit Grinsen ist erlaubt!

Wir sind platt aber sehr erleichtert und starten mit leichtem Gepäck ins neue Jahr 2020 voller Abenteuer!

Bis es soweit ist, bleiben wir am Ball und verkaufen an unserer Haustür unsere Sachen. Mal sehen, was wir in vier Wochen noch alles weitergeben können!

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