Laos

Die leisen Touristen auf dem Mekong Slow Boat

Oder: Neue Perspektiven auf dem Mekong

Als Anna klein war, war sie mit ihrer Familie öfter in Freizeit- und Vergnügungsparks. Sie konnten gar nicht genug von Achterbahnen und Fahrgeschäften bekommen, in denen sie mit einem kleinen Wagen durch eine magische Märchenwelt ratterte: Vorbei an den unterschiedlichsten Märchenfiguren, die sich beim kurz bewegten und Geräusche von sich gaben und im Wegfahren wieder verstummten.


An diese Erinnerung muss Anna denken, als wir zwei Tage mit dem Slow Boat auf dem Mekong von Huay Xai nach Luang Prabang fahren. Die Fahrt dauert zwei Tage, dazwischen einmal übernachten in Pakbeng. Insgesamt sind es 14 Stunden auf dem Slow Boat.

Die Strömung des Mekongs nimmt unser Boot mit und gemächlich schieben wir uns durch die eindrucksvolle Zauberwelt: Riesige schwarze Felsbrocken, Sanddünen, Berge im Hintergrund. Sogar Elefanten sollen irgendwo sein! Wir entdecken während unserer Fahrt leider keine am Ufer.

Ein Slow Boat auf dem Mekong

Wir tuckern gemütlich vorbei an Fischern, die auf ihren Bötchen sitzen und an Kindern, die quietschend ins Wasser springen und uns neugierig nachschauen. Familien waschen gemeinsam ihre Wäsche im Fluss.
Einige Speedboats rasen an uns vorbei und wir bemerken: Die meisten Passagiere tragen Motorradhelme auf diesen Booten. Die Speedboats sind in der Hälfte der Zeit, die wir mit dem Slow Boat brauchen, in Luang Prabang. Allerdings rasen sie so speedy und gefährlich, dass den Passagieren empfohlen wird, während der waghalsigen Fahrt Motorradhelme zu tragen.

Wie sieht dieses Slow Boat wohl für die Fischer aus? Vollgepackt mit rot-weißen Glanzgesichtern, die Handys und Kameras zücken und auf einen authentischen Moment warten, der sich so gut auf den sozialen Medien macht. Sie schauen nur kurz zu uns auf , wenn wir vorbeifahren. Dann werfen sie wieder ihre Netze in den glitzernden Fluss.


Das Slow Boat hält oft an – im Nirgendwo

Ab und zu hält das Slow Boat an der rechten oder linken Uferseite an. Meistens ist für uns nicht zu erkennen, warum wir dort halten. Oft sehen wir an den Haltepunkten nur kleine Hütten oder keinerlei Anzeichen von Zivilisation, nur Ufer mit Steinen und dahinter Bäume.
Wo wollen denn die Laoten hin, die jetzt gerade mit den vielen Tüten und Reissäcken aussteigen? Kommt da jemand, um ihnen mit den Reissäcken zu helfen? Manchmal taucht jemand hinter den Felsen auf und hilft, das Gepäck das steile Ufer hoch zu tragen und verschwindet wieder in den Bäumen. Da haben wir schon längst wieder abgelegt.

Der erste Tag und die sieben Stunden auf dem Mekong Slow Boat verfliegen. Wir waren beschäftigt mit gucken, staunen, zwischendurch lesen. Unterhalten ist eher schwierig, da wir nah am Motor sitzen. Nur mit Zeichensprache verständigen wir uns: Essen? Trinken? Alles gut?
Es klappt wunderbar – Wir sind ein eingespieltes Team!


Nachmittags kommen wir in Pakbeng an und es heißt „Alle Mann von Bord“…

… und alle Rucksäcke ebenfalls.

Anlegestelle der Slow Boats auf dem Mekong in Pakbeng
Der „Anleger“ von Pakbeng – Man erwartet uns schon!

Am Ende des ersten Reisetages legt unser Slow Boat in Pakbeng an. Ungefähr die Hälfte der Strecke nach Luang Prabang haben wir damit geschafft. Schon von Weitem sehen wir einige Leute am Ufer warten: Sobald wir das Boot verlassen, versuchen sie uns (natürlich die besten) Unterkünfte, Restaurants und Bars anzudrehen. Von alldem hatten wir gelesen und uns noch im Vorfeld auf die letzte Minute online eine Unterkunft gebucht. Wir können also ganz entspannt an allen vorbeigehen: „No, thank you! We already have a room“.

Doch bevor hier jemand von Bord gehen kann, müssen die vielen schweren Backpacks aus dem Bootsbauch nach oben gehievt werden. Die Luke zu den Rucksäcken versperrt den einzigen Gang auf dem Boot. Keiner kann vorwärts oder zurück und alle stehen sich gegenseitig im Weg. Manche haben ihre Rucksäcke schon, können aber nicht von Board gehen, weil der Gang blockiert ist von denjenigen Personen, die ihren Rucksack noch nicht haben. Anne meint, dass selbst die Crew super gestresst wirkt und unsere deutscher „Optimierungs-Drang“ schlägt durch: Nach kurzer Zeit fallen uns gleich drei Möglichkeiten ein, wie man das Entladen des Bootes effektiver und stressfreier für alle machen könnte.

Slow Boat auf dem Mekong

Wir sind ja recht anspruchslos…

… aber eine warme Dusche hätte es schon sein dürfen

Der Weg vom Ufer führt unglaublich steil nach oben und wir kraxeln mit unseren 12-Kilo Rucksäcken über Felsen und provisorische Stufen. Oben an der Straße angekommen, sind wir fix und fertig und sehr froh, dass unsere Unterkunft so nah am Pier liegt.

Angeblich haben wir einen Deluxe Raum in der oberen Etage gebucht. Den gibt es aber nicht mehr sagt der Besitzer, weil wir so „last minute“ gebucht haben. Der Raum, den wir dann bekommen, ist …  eine Katastrophe. Wir fühlen uns direkt unwohl, aber wissen ja, dass es in ein paar Stunden schon weitergeht. Laut Booking.com haben wir das kleinste Übel gebucht. Die Hotels in Pakbeng sind alle weder schön, noch gemütlich, noch gibt es warme Duschen. Es gibt wohl Unterkünfte, die ein wenig dem normalen Standard entsprechen, aber wir wollten auch keine 50 Euro für eine Überbrückungs-Nacht ausgeben.

Der Hunger treibt uns in das gegenüberliegende Restaurant, welches von unserer App empfohlen wird, die uns seit Jahren erfolgreich in vegane und vegetarische Restaurants lotst. Aus der handgeschrieben Karte wählen wir ein vegetarisches Curry und „Fried rice“ für jeweils 25.000 KIP (2,50€) aus.


Danke“ und „Bitte“ sagt der ehemalige Mönch und nun Restaurantbesitzer zu uns

Der Restaurant Besitzer spricht ein paar Brocken Deutsch! Da fährt man in die hinterletzte Ecke und findet dort jemanden, der „Danke“ und „Bitte“ versteht. „We prepare everything fresh, so it will take a while!“, sagt er noch schnell – eine Mischung aus Warnung und Lobpreisung für die Küche.
Auf dem Schild vor seinem Restaurant wirbt er mit „Meine Frau ist eine gute Köchin“ – es stimmt! Als wir endlich etwas zu essen bekommen, ist es sehr lecker und mild – fast etwas linde im Vergleich zum sehr scharfen Curry in Chiang Khong! Der Besitzer war mal ein Mönch und ist nun in sein Heimatdorf zurückgekehrt – so oder so ähnlich schnappen wir es vom Gespräch am Nebentisch auf.
Als wir gehen, ist das Restaurant komplett voll: Die armen hungrigen Gäste, jetzt dauert es noch länger!

Wir erhaschen noch einen letzten Blick auf die Sonne, die sich gerade am Horizont niedersenkt. So haben wir sie bisher noch nirgendwo gesehen. Über dem Mekong ist die Sonne irgendwie besonders magisch! Kreisrund und orange! Sehr stimmungsvoll wird es abends, wenn die sie langsam am Horizont verschwindet und den Fluss rötlich-silbern schimmern lässt.

Der Mekong bei Sonnenuntergang

Gemütlich – Gemächlich – Gelassen

Sehr früh stehen wir am nächsten Tag auf, denn wir müssen frühstücken, brauchen Proviant und wollen um 8:00 auf dem Slow Boat sein, um unsere guten Sitzplätze wieder ergattern zu können. Die befürchtete Party von laotischen Jugendlichen im hinteren Teil des Bootes blieb am ersten Tag aus. Dafür haben die Touris im vorderen Teil des Bootes am ersten Tag so viel „Beer Lao“ gebechert, dass wir hoffen, dass jetzt am zweiten Tag Katerstimmung herrscht.

Also auf zum Frühstück! Annes Frühstück, ein Peanutbutter Brot kommt schnell – innerhalb von 10 Minuten. Annas Früchte Müsli dauert… und dauert… und dann sehen wir auch warum: Die Kellnerin kommt mit einer Tüte in der Hand in das Café zurück. In der Tüte sind die Früchte für das Müsli, sozusagen „On demand“ eingekauft. Dann fällt ihnen auf, dass auch der Joghurt fehlt. So stiefelt ein anderer Mitarbeiter ein zweites Mal los, um auch noch schnell den Joghurt im naheliegenden Geschäft zu kaufen. Sie schnibbeln und schütten alles zusammen und zack, schon nach 30 hungrigen Minuten hat auch Anna ihre Frühstücksmüsli.

Bereits an der Grenze von Thailand nach Laos haben wir die erste Erfahrung mit der laotischen Gemütlichkeit / Gelassenheit gemacht. Man kann es nennen, wie man möchte, es dauert einfach alles.

Hier bahnt es sich schon an: In Laos werden wir selten zusammen essen. Während der eine schon fertig ist, werden für den anderen, nach der Bestellung, noch eben die Zutaten für das Gericht eingekauft.

In dem Café gibt es auch Baguettes zum Mitnehmen. Wir bestellen uns noch ein Käsebaguette (also Streichkäse, nicht „Käse-Käse“), ein Peanutbutter- und ein Nutellabaguette „to go“. Wir ordern direkt alles zusammen und hoffen, das wir die Baguettes bekommen, bevor das Boot ablegt.

Anne blickt auf den Mekong
Frühstücken mit bester Sicht auf den Mekong

Überpünktlich nehmen wir wieder Platz auf dem Boot

Um 8:00 Uhr, mit den Baguettes in der Tasche, eilen wir zum Pier und finden unser Slow Boat. Kurz danach trudeln auch die organisierten Touren ein. Wir haben wieder unseren super duper 2-er Platz. Nur leider nehmen nun Berlin* und Felix Alexander Christoph Julius** direkt vor uns Platz. Das sind die beiden Deutschen, welche wir gestern schon beim Grenzübergang „getroffen“ haben. Wir stecken unsere Ohrstöpsel rein und ersparen uns weitere Kennenlern-Stories der beiden.

Pünktlich um 9:00 Uhr legen wir ab und fahren weiter mit dem Slow Boat den Mekong entlang. Es warten weitere 7-8 Stunden magische Zauberwelt auf uns. Es ist ein wenig bewölkt und neblig, aber die Landschaft am zweiten Tag ist genauso schön wie am ersten. Die Stromschnellen und Wirbel lassen nur erahnen, wie reißend dieser Fluss an manchen Stellen sein muss – Besonders in der Regenzeit.

Anna steht am Geländer des Mekong Slow Boats

Die Gedanken schweifen und die Perspektiven wechseln

Als wir wieder einen Stopp im Nirgendwo machen, rennen plötzlich einige junge Mädchen mit Armbändern in der Hand zu unserem Boot. Sie tragen verwaschene T-Shirts und alte löchrige kurze Hosen. „5000“ , rufen sie und strecken ihre Hände mit den Bändern in das Boot. Energisch wedeln sie mit den Armbändern, welche 50 Cent kosten sollen und hoffen auf ein paar Käufer. Das Auftreten der Mädchen wirkt sehr penetrant, sie wollen unbedingt etwas verkaufen. Nur einmal am Tag kommt ein so volles Boot mit potentiellen Käufern vorbei. Sogar als wir schon wieder ablegen und ein Stück vom Ufer entfernt sind, hängen sie weiter am Boot. Wir haben schon die Befürchtung, dass sie nicht schwimmen können und zu spät vom Boot springen. Doch der Mekong ist hier flach – zum Glück.

Die Szene macht uns nachdenklich: Wir sind im Jahr 2020 und es gibt noch so viele Ecken, in denen zwar der Tourismus unterstützt, aber nicht die Armut von Kindern bekämpft und ihre Bildung gefördert wird. Das darf nicht sein! Oder geht es auch irgendwie Hand in Hand? Wir sitzen hier in unserem Slow Boat und lassen uns den Mekong entlang schippern – während Kinder sich an das Boot hängen und energisch versuchen, Armbändchen zu verkaufen.
Welche Zukunft wartet auf sie? Gehen Sie zur Schule? Haben sie genügend essen und trinken? Können sie mit der Person zusammen sein, mit der sie zusammen sein wollen? Hilft das Geld für die Armbänder den kleinen Mädchen oder müssen sie es abgeben? Welche Wünsche haben sie und welche Ressourcen, sich diese Wünsche zu erfüllen?

Wir suchen ja Kontraste und möchten Perspektivwechsel. Das führt auch zu vielen Momenten, die anrühren und nachdenklich machen. Und genau diese Momente und deren Reflexion erweitern den Horizont und schärfen das eigene Verständnis von richtig oder falsch und wichtig oder unwichtig.


Keine Antworten, dafür ganz viel Dankbarkeit

Auf dieser Fahrt finden wir wenige Antworten und denken im Nachhinein noch lange über die Szene nach. Wir kennen diese andere Lebenswelt nicht gut und möchten uns kein Urteil darüber erlauben. Wir merken aber erneut, was uns wirklich wichtig ist und wie dankbar wir sind, für unsere liebevollen Eltern und Freunde, genügend Essen und Wasser, unsere gute Schulbildung und unseren Mut, in der weiten Welt neue Perspektiven zu entdecken.


Stille Beobachter landen in Luang Prabang

Diese beiden Tage auf dem Mekong waren landschaftlich einfach beeindruckend und haben uns als stille Beobachter zusätzlich ganz verschiedene und neue Perspektiven eröffnet. Am Nachmittag erreichen wir Luang Prabang, verlassen das Boot und nehmen viele interessante Eindrücke mit. Es war ein tolles Erlebnis!

Anne steht am Geländer des Mekong Slow Boats

* Name von der Redaktion geändert
** Oder so ähnlich


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