Griechenland

Zwangspause auf dem Campingplatz Kalogria

Es ist bereits Nachmittag als wir in Kalamata abrupt aufbrechen. Kurz zuvor hatte uns noch eben ein junger Mann an unserer Schiebetür freundlich Cannabis angeboten. Wir hatten keinen Bedarf an Gras und wollten lieber neue Wanderwege und Buchten entdecken.

Die Ost- und Westküste der Peloponnes haben wir ja nun nach zwei Monaten on the road ganz gut abgegerast, nur die Mani (Mittlerer Finger der Peleponnes) fehlt uns noch.

Anne braust unsere Berta stadtauswärts die Berge hinauf. Überall im Camper hängt noch die restliche nasse Wäsche. Die Socken schaukeln in den Kurven. Irgendwie quietscht es immer mal wieder von oben, als würde Drakula persönlich aus seinem Sarg steigen. Im nächsten tiefen Schlagloch macht es „Rumms“ und unser Bett mit Hydraulikfedern kracht herunter.

Das nasse Bettlaken war wohl doch zu schwer und haben das komplette Bett heruntergeklappt. Nicht so schlimm, das Bett kann uns ja nicht auf den Kopf fallen. Aber gegen das Quietschen der Federn könnten wir mal was unternehmen.

Weil es schon recht spät ist, entscheiden wir uns ziemlich schnell für einen Stellplatz in einer kleinen Ortschaft neben einer Kirche. Was als unkomplizierte Stellplatz gedacht war, entpuppte sich als Platz mit wunderschönem Meeresblick. In der Kirche ist bis abends noch reger Betrieb. Zwei Damen plus Priester kommen aus der Kirche. Während der Geistliche sichtbar müde ins Auto steigt und wegdüst, hören wir die Damen noch lautstark diskutieren, während sie zurück ins Dorf spazieren. Falls der Priester Frieden zwischen den beiden Damen herstellen sollte, dann hat er vermutlich für heute wegen Erfolglosigkeit aufgegeben.

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, denn die Kirche scheint ein beliebter Anlaufpunkt der Dorfbewohner zu sein. Der kleine Parkplatz vor der Kirche füllt sich mit Autos und wir beschließen, den Parkplatz für die Einheimischen zu räumen.

Eine Wanderung wäre mal wieder ganz schön

Unser Ziel ist eigentlich ein Stellplatz in den Bergen, an dem verschiedene Wanderwege starten. Wir freuen uns auf eine Wanderung wie dem Menalon Trail, damit wir uns mal wieder die Beine vertreten und die Natur genießen könne.

Die Straße meint es zunächst gut mit uns: Sie ist asphaltiert. Je weiter wir Richtung Stellplatz fahren, desto holpriger wird die Fahrt. Auf Schotterstrasse folgt pure Erde. Und kurz vor dem Parkplatz geht es nicht gar nicht mehr weiter, da ein Stromkabel sehr tief hängt. Da kommen wir nicht durch, ohne das Kabel abzureißen, also fährt Anne rückwärts die schmale Gasse zurück.

Ein Auto hält an, das Fenster wird runtergekurbelt und wir sind ganz überrascht, als wir auf deutsch mit österreichischem Akzent hören: „Naaa, wooo wooolllt ihr dennnn hiiiin?“. Der nette Mann kennt sich hier aus und beschreibt uns einen anderen Weg zum Stellplatz.

Nach einigen Metern auf der Alternativroute merken wir allerdings, das wird auch nichts. Die griechische Straße hat für heute gewonnen: Griechische Straße 1 – Berta: 0.

Etwas weiter südlich finden wir in Kardamili einen schönen Stellplatz am Meer. Ein weiterer deutscher Camper steht auch schon da – auf gute Nachbarschaft! Aus unseren Wanderplänen wird dann immerhin ein schöner Strandspaziergang in der Abendsonne.

Wo seid ihr? Im kostenlosen Internet!

Auf dem Spaziergang entdecken wir außerdem eine Seltenheit: Free Wifi! Wer schon den Beitrag zum Wildcampen zum Thema Internet gelesen hat, der weiß, dass mobile Daten in Griechenland sehr teuer sind. Deswegen sind wir immer mal wieder auf der Suche nach dem kostenlosen „WIFI4EU“. Der Witz an der Sache ist, dass zwar die Städte mit WIFI4EU im Internet aufgelistet sind. Die genauen Orten, wo es dieses WLAN in der jeweiligen Stadt gibt, wird aber nicht verraten. Es ist die pure Glücksache, ob man es findet. Der griechische WLAN Gott ist mit uns und wir finden einen Spot direkt am schönen Kiesstrand. Wir können uns also heute Abend neue Netflix-Folgen gönnen.

Aus der Planung „Ach, einen Tag können wir doch hier bleiben“, werden letztendlich 3 (oder waren es vier?!) Nächte. Allmählich müssen wir aber Frischwasser tanken. Ganz in der Nähe gibt es mehrere Brunnen, die wir ansteuern wollen.

Und auf geht’s zum Frischwasser-Shopping

Bevor wir losfahren, schreiben wir unsere Ausgehgenehmigung mit Datum, Uhrzeit, Standort und dem Grund 2 (Shopping). Nur 11 Kilometer weiter in Stoupa soll es gleich 3 Wasserquellen geben, die wir testen wollen. Stoupa ist an sich ein wunderschöner kleiner Ort. Etwas touristisch, aber trotzdem geschmackvoll. Auffallend sind die vielen „Camping verboten“ Schilder, die wirklich an jeder freien Stelle stehen.

Als wir bei Quelle 1 halten, eilt ein Mann aus seiner Haustür und beginnt den Zaun, an dem die Wasserstelle ist, großzügig abzuspritzen. Okay, scheint ihm nicht so recht zu sein, dass wir hier stehen. Quelle 2 finden wir nicht. Und bei Quelle 3 ist es so eng, dass Anne ein sehr aufwändiges Wendemanöver starten muss, bevor wir Wasser tanken können.

Oh nein! Die Polizei!

In der Nebenstraße entdecken wir plötzlich ein Polizeiauto, das geduldig wartet, bis wir gewendet haben. Kein Problem, die Polizei hat sich noch nie für uns interessiert. Wir verzichten erstmal auf das Wasser, um der Polizei keinen Grund zu geben, uns anzusprechen. Wir wollen lieber später nochmal zum Wasserhahn zurückkehren und fahren in Richtung Supermarkt. Denn auf unserer Ausgehbescheinigung steht ja der Grund: Shopping.

Anna fragt „Folgen die uns?“. Anne sagt: „Ja, die sind direkt hinter uns“. Wir fahren, mit dem Polizeiwagen im Schlepptau, mehrere hundert Meter die Straße entlang. Plötzlich geht die Sirene an und der Polizeiwagen gibt Lichthupe, dass wir doch bitte stehen bleiben sollen. Da haben sie jetzt aber lange nachgedacht, ob sie uns anhalten sollen.

Vier Polizisten (!) steigen aus dem Kleinwagen aus und fragen nach unseren Papieren, nach unserer Ausgehgenehmigung und seit wann wir in Griechenland sind. Eigentlich dürfen laut Lockdown-Regeln nicht mal 2 Personen aus dem gleichen Haushalt zusammen mit einem Taxi fahren – naja ok.

Wir zeigen ihnen unseren geschriebenen Zettel und sagen „We don’t have a greek phone number and a printer, so we had to write it by hand. The permission-SMS only works with greek cellphone numbers“. (Mhm, vielleicht wäre ein mini Drucker für den Camper eine Investition wert..gibt es sowas?).

Die Polizisten sind wenig beeindruckt von unserem Zettel und bohren weiter, seit wann wir im Land sind. Wir zeigen ihnen unsere Fährenticket aus Oktober 2020 und können somit beweisen, dass wir keine Quarantäneregeln, die für aktuell Einreisende gelten, gebrochen haben. Die Maske des Polizisten rutscht immer wieder von der Nase und wir gehen dabei jedes Mal einen Schritt zurück. Wir diskutieren etwas hin und her, erhalten unsere Ausweise und den Fahrzeugschein zurück. Der Polizist  berät sich kurz mit seinen Kollegen und kommt schließlich mit ernster Mine zurück: „Look, we have to give you a fine.“

Wir schauen etwas überrascht, denn eigentlich haben wir unseren Zettel mit dem Ausgehgrund dabei, können uns ausweisen und stehen nirgends im Halteverbot. Der Polizist meint, dass das Problem ist, dass wir keine permanente Adresse haben. Und für die Ausgehbescheinigung ist eine Adresse notwendig, da er sonst nicht nachvollziehen kann, woher wir kommen.

Anna holt Luft und setzt zum Plädoyer an: „Der Camper ist unser zu Hause und wir haben deswegen keine feste Adresse. Wir nehmen die Corona-Situation sehr ernst und sind immer nur zu zweit unterwegs. Ansonsten haben wir keine Kontakte, halten uns immer an die Distanz und tragen überall Masken (tatsächlich tragen wir FFP2 Masken).“

Und wer unseren Bericht von der ersten Lockdown-Zeit gelesen hat, der weiß, dass wir die Situation auch wirklich nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Der Polizist gibt sich mit dem Plädoyer erstaunlich schnell zufrieden und sagt, dass es bei einer mündlichen Verwarnung bleibt. Aber die Bedingung ist, wir müssen uns irgendwie eine Adresse organisieren, also zu einem Campingplatz fahren. Nach kurzem Tschüss brausen die vier Polizisten in einem Auto wieder ab.

Wir haben den kompletten Campingplatz Kalogria für uns allein

Zwei freche Kätzchen auf dem Campingplatz möchten eigentlich nur eins: gestreichelt werden

Wir wollten ja eh Wasser tanken und wissen, dass in der Nähe der Kalogria Campingplatz geöffnet ist. Schon als wir ankommen, überlegen wir, wann wir am nächsten Tag wieder fahren. Der Kalogria Campingplatz hat auf jeden Fall schon bessere Jahre gesehen. Der Platzwart hält angenehm gut Abstand, nimmt noch nicht mal unseren Ausweis in die Hand und schreibt alles aus der Distanz ab. Er sagt: „Ihr könnt dann einfach morgen zahlen“. Er rechnet wohl nicht damit, dass wir letztendlich 20 Tage bleiben.

Der Camingplatz Kalogria ist anfangs wirklich nicht besonders ansehnlich und auch die Duschen haben auf jeden Fall schon bessere Zeiten erlebt. Also eher rustikaler Charme. In der Nacht schlafen wir aber so ruhig und entspannt, dass wir doch noch länger bleiben. Außerdem können wir endlich mal wieder so lange duschen, wie wir wollen. Und zwischendurch ist es auch wirklich schön, sich nicht ständig Gedanken um Wasser, Strom und co. machen zu müssen. Letztlich sind wir fast eine ganze Woche komplett alleine auf dem Campingplatz Kalogria, das ist Luxus pur!

Der Platzwart ist am Anfang etwas wortkarg, taut mit jedem Tag aber etwas mehr auf. Wir bekommen Eier seiner freilaufenden Hühner geschenkt. An einem anderen Tag stellt er uns eine große Tüte mit Orangen und frisch gepresstem Olivenöl von den Olivenbäumen des Campingplatzes vor die Tür. Inzwischen weiß er sogar, dass wir Vegetarierinnen sind.

Im Sommer soll der Kalogria Campingplatz aus allen Nähten platzen. Wer den rustikalen Charme schätzt und Lust hat, hier mal vorbeizufahren, kann sich den Kalogria Campingplatz auf der Webseite ansehen.

Campingplatz Kalogria
Die nasse Wäsche aus Kalamata wird nochmal „richtig“ gewaschen
Campingplatz Kalogria

Keine Spur von Langeweile auf dem Campingplatz Kalogria

Langweilig wird uns nicht. Wir schlendern durch den kleinen Ort, arbeiten online, machen eine Fahrradtour an der Küste entlang und nehmen Kontakt zu einer ansässigen Tierschutzorganisation auf.

Kalogria Campingplatz
Kalogria Campingplatz

Und so brausen wir an einem Donnerstag Nachmittag dem goldenen Ford, der Claudia von MIAO (Mani International Animal Organisation) gehört, zum Shelter hinterher. Dort warten schon 7 freundliche Hunde auf uns, die von der Organisation mit aller Liebe verpflegt und umsorgt werden, bis sie ein zu Hause finden. Wir dürfen die Hundedame Flora und drei griechische Schäferhundwelpen an die Leine nehmen. Die drei Welpen sind richtige Schlawiner und schnappen sich alles, was sie am Wegesrand finden können. Uns macht es riesig Spaß! Wir spazieren mit ihnen einen wunderschönen Weg neben Olivenbäumen entlang. Wir vermuten jedenfalls, dass der Weg schön ist. Denn wir sind so von den Hunden entzückt, dass wir kaum auf den Weg achten können.

Nach unserem Spaziergang werden mal wieder reich beschenkt: Wir dürfen uns im Garten von Claudia wunderschöne Zitronen direkt vom Baum pflücken. Anna liebt es, am Abend eine heiße Zitrone zu trinken und freut sich deshalb sehr darüber. Die Arbeit des Tierschutzvereins hat uns richtig beeindruckt und wir haben großen Respekt vor diesem tollen Engagement für die Hunde. Der Verein freut sich über verantwortungsvolle Adoptanten-Familien für ihre Hunde und natürlich jede Spende, die die Arbeit für die Tiere möglich macht. Schaut gerne mal bei der Organisation vorbei!

Im nächsten Artikel erzählen wir euch von unserem Hundebesuch auf dem Kalogria Campingplatz und ihr erfahrt, wie sich der Lockdown noch weiter verschärft hat und was das für alle (Wild-)Camper in Griechenland bedeutet.

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5 Comments

  • Georg

    bin ich mal wieder in Eurem Blog gesurft. Immer wieder schön und anregend.
    Ich denke, Corona läßt Euch das Land erleben, wie selten: ruhig, langsam, „spannend“, einmalig.
    Hat auch seinen Preis. Aber das, was jetzt fehlt, kommt sicher wieder.
    Kali mera und liebe Grüße!

  • die Schwaegerin

    Da hat es euch aber wirklich an eine schoene Stelle verschlagen!
    Also, wenn man schon irgendwo festsitzen muss …

    • Anne und Anna

      Wir haben uns auch ein bisschen in diesen kleinen Ort verguckt. Vielleicht rufen wir doch mal bei der Telefonnummer an, die an dem „FOR SALE“-Haus hängt..

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